LEBEN IM LEIBE CHRISTI – EINFÜHRUNG IN DIE ORTHODOXIE (Erzpriester Georgios D. Metallinos, Dr. Theol. – Dr. Phil.)

1. ORTHODOXE SPIRITUALITÄT

-Ein Weg durch «Revolution» und «Wissenschaft»-
Einleitendes
Der Begriff «Spiritualität» bedeutet in der Orthodoxen Kirche eine konkrete Realität, eine greifbare, festumrissene und bestim­mte Lebensweise. Es handelt sich nicht um irgendeinen nebulösen Mystizismus, der unausweichlich zu einer Utopie führt; auch nicht um einen unfundierten Idealismus, der auf das Gebiet des Denkens und der Phantasie beschränkt ist, noch um eine sinnli­che Autosuggestion ohne Gegenüber, die im Nirgendwo endet.
Die Spiritualität der Orthodoxie ist auch Materialität, Reali­smus, Innerweltlichkeit. Sie ist die Überlieferung, d.h. die Weiter­gabe und Kontinuität eines Lebens, einer ewigen Existenzweise inmitten der konkreten geschichtlichen Realität, die mit der Fleischwerdung des «Logos» (Wortes) Gottes in die Geschichte ein­getreten und irdische, innerweltliche Realität geworden ist. Ohne Christus, den Menschgewordenen Gott, ist christliches geistli­ches Leben undenkbar.
Nach der orthodoxen Inkarnations – und Erlösungslehre ist Gott nicht Mensch geworden, um das menschliche Leben einfach zu verbessern, um eine neue Religion zu gründen (und sei es auch die «vergeistigste») oder um eine neue Ethik zu verkünden. Er ist in unsere Welt gekommen, um unser ganzes Leben zu erneu­ern, neu zu schaffen, «wieder unter ein Haupt zu fassen» (Eph 1, 10), es mit dem Haupt, mit seiner Person zu verbinden, damit er selbst unser Leben wird (vgl. Gal 2, 20). Er wurde Mensch, damit unser eigenes Leben gottmenschliches Leben wird.
Die O(rthodoxe) S(piritualität) ist genau die persönliche Teilha­be an einem Leben, das innerweltliche Realität wurde, das aber nicht mit menschlichen Kräften allein, ohne die Mitwirkung des Heiligen Geistes, verwirklicht werden kann. Als Leben und Kampf im Heiligen Geist wird sie Spiritualität oder richtiger Leben im Heiligen Geist genannt. Sie ist identisch mit dem ganzen Leben der Kirche als Leib Christi, mit ihrer Überlieferung, die als eine Existenzweise zu verstehen ist, die der außerhalb der Kirche stehenden Welt ewig absolut fremd bleiben wird.
Die OS ist also im Prinzip der Kampf um die Fortführung des neuen Lebens, das in Christus und durch Christus in die Welt ge­bracht wurde, des «Christuslebens» in den menschlichen Perso­nen, die die trinitarisch-gemeinschaftlichen Beziehungen verwir­klichen sollen. Und das ist der Fall bei allen Heiligen der Kirche. Die Kirche wird in jeder Generation von ihren Heiligen authentisch ausgedrückt, weil die Heiligen in allen Zeiten die wahren Christen sind.
Daraus ergibt sich, daß die Orthodoxie nie als eine abstrakte theoretische Lehre, Unterweisung, oder System zu verstehen ist, sondern als die konkrete, ewig lebende und sich seinen Heiligen ununterbrochen offenbarende Person des Gottmenschen, wie diese sich selbst in der Geschichte geoffenbart und gelebt hat. Christusleben, Überlieferung und Erfahrung der Heiligen sind identisch. Sie stellen nicht die mechanische Übermittlung einer kodifizierten Lehre dar (wie das bei der Ideologisierung des Chri­stentums der Fall ist), sondern die kontinuierliche Weitergabe des in der Kirche, in seinem Leib, lebenden Sohnes Gottes. Er, die fleischgewordene «Allwahrheit» in der Welt, lebt mittels der ununterbrochenen, lebensspendenden und alles erneuernden Wirkkraft des Heiligen Geistes in jeder konkreten Realität (Kultur, Zivilisation, Bildung, gemeinschaftliches Leben usw.) fort.
Es ist also keine Paradoxie, daß die Begriffe Wahrheit, Gere­chtigkeit, Frieden, Gleichheit, Brüderlichkeit für die Orthodoxie keine ideologischen Konzepte oder ethischen Forderungen sind, sondern eine in der Person Christi bereits realisierte Existenzwei­se. Der Kampf um ihre Realisierung im persönlichen Leben der Gläubigen aber, ist nicht auf ihren eigenen guten Willen und ihre kämpferische Initiative beschränkt, sondern geht von der gnaden­haften Umwandlung ihres Lebens in das Leben Christi aus.

I. Aufstand als Fall und Auferstehung in der Geschichte

In der heutigen Welt wird öfters versucht, durch Revolutionen die sozialen Strukturen zu verändern. Da in solchen Fällen fast immer die Rede von Theologie ist (vgl. die so genannte «Befrei­ungstheologie»), erhebt sich die Frage, was daran orthodox und was nicht orthodox ist. Andererseits ist bekannt, daß auch der dialektische Materialismus als «revolutionäre Theorie» zur Verän­derung der Welt auftritt. Aufgrund ähnlicher theoretischer Voraus­setzungen suchen öfters einige Marxisten Analogien in der Or­thodoxie. Bis zu welchem Punkt aber ist das möglich?
Das revolutionäre Element, so könnte man sagen, findet sich auch in der Orthodoxie, die in Bezug auf ihre Spiritualität radikal revolutionär ist. Aber in welchem Sinn?
Die menschliche Geschichte beginnt, orthodox gesehen, mit einer Revolution. Das Leben des Menschen, der «nach dem Bild» des Gottmenschen Christus geschaffen wurde, hätte eine dauern­de Erhebung sein müssen, d.h. ein ständig fortwährender Auf­stieg zum geistigen Himmel, zur Vergottung (THEOSIS).
Das Faktum des Sündenfalls aber ist die Erhebung gegen den Willen Gottes, die sich als Spaltung und Teilung der personalen menschlichen Gemeinschaft in Individuen auswirkt, weil die inne­re Spaltung, die Teilung der menschlichen Person vorausgegan­gen war. Der Hl. Maximus der Bekenner (7. Jh.) weist auf unsere gefallene Natur hin, «die zu sich selbst in schlechter Beziehung steht oder vielmehr im Aufstand gegen sich selbst und in sich ge­teilt ist» (Capitula diversa 1,46. PG. 90,1196 C). In christlicher Sicht geht also die Spaltung im Menschen der gesellschaftlichen Entzweiung voraus.
Der Fall des Menschen war ein tragischer Fehlschlag im Vergottungsprozeß, weil der Mensch seinen Archetyp, den Gott­menschen, verleugnete. Obwohl seine Seele und seine Existenz von Natur aus christlich sind («meins naturaliter Christiana», Tertullian), christozentrisch und christologisch, warf der Mensch sein Bild, nach dem er geschaffen wurde, von sich und verleugnete so in Wirklichkeit sein eigenes Selbst. Diese Auflehnung stellt die größte Tragödie des Menschen dar: Er verleugnet, indem er seine «Menschwerdung» vorzieht, seine Christuswerdung und Vergot­tung, um deren willen er erschaffen wurde. Das ist, christlich be­trachtet, das Faktum der Entfremdung des Menschen (s. Eph 4, 19).
Dieser «Aufstand» besiegelt jedoch nicht nur das Unglück des Menschen, sondern zugleich auch sein Glück, das in und durch Christus verwirklicht wird. Christus wird in der Geschichte die Auf­erstehung des Menschen. So bezeichnet er sich selbst (Jo 11, 25: «Ich bin die Auferstehung und das Leben»). Christus wird zur Auferstehung der ganzen Kreatur, indem er seinen eigenen Gegen-Aufstand unternimmt, aber gegen den Tod, den der Mensch allein nicht besiegt konnte. Er verwundet, zermalmt, ver­nichtet, zertritt, tötet den Tod, wie die patristische Theologie das Geschehen der Auferstehung auszudrücken pflegt.
Der Aufstand Christi geschah zum Heil der GANZEN Men­schheit, ALLER Menschen. Das Wort Christi «Keiner von ihnen ging verloren» (Jo 17, 12) gilt hier, in der orthodoxen Erlö­sungslehre, in seiner vollen Dimension. Denn Gott will, «daß alle gerettet werden» (1 Tim 2, 41). Die Gewalt und der Schlag Christi richtete sich gegen den Tod und die Sünde, ohne den Sünder zu zermalmen und zu vernichten. Er tötet den Tod, aber er macht den Toten lebendig. Er vernichtet die Krankheit, aber er heilt den Kranken. Er tötet die Ursache unseres Todes («Er hat die Sünde im Fleische gerichtet», Rőm 8, 3) an seinem Kreuz.
            Die Orthodoxie kennt andererseits keine Evolution im Sinne einer ständigen Veränderung, wie dies beim Marxismus der Fall ist. Der orthodoxe Weg ist unwandelbar christozentrisch. Chri­stus bleibt das unbedingte Zentrum und der Bezugspunkt der Or­thodoxen aller Jahrhunderte. Er garantiert ihre Einheit im Laufe der Jahrhunderte mit seiner Gegenwart in ihnen im Heiligen Geist. Der eine Geist vereinigt die Gläubigen horizontal und vertikal in der Geschichte und bewirkt ihre Einheit – nicht als Unteror­dnung unter bestimmte Lebens – und Verhaltensnormen, sondern als Leben, das aus seiner eigenen Gegenwart in ihnen entspringt. Im Pfingstgeschehen (Apg 2) liegt das absolute Zentrum der Kir­che: Die feurigen Zungen des Heiligen Geistes sind die Kraft und das Zentrum ihrer Einheit.

II. Askese und Martyrium als Revolution

Der Kampf des Menschen um seine ganzheitliche (katholi­sche) Aufnahme in die Gemeinschaft Christi ist rein revolutionärer Natur. Die Askese (d.h. wörtlich «Übung») ist der Aufstand des Menschen gegen seine verselbstständigte und getötete Natur, damit diese durch ihre Auferstehung in Christus in dessen Leben eingepflanzt werden kann. Sie ist eine Rebellion gegen uns selbst, die wir im Verderben und im Tod leben. Denn die Rettung aus Verderben und Tod verdanken wir der Gnade, der Gabe des Ungeschaffenen Gottes an sein Geschöpf; sie ist nicht das Er­gebnis unserer eigenen Bemühungen oder eine Leistung unserer Natur. Sie wird geschenkt, wenn der Mensch zu einer Existenz­weise gelangt, in der seine Natur von der Sklaverei des Zwangs, von der Knechtschaft des Verderbens und des Todes, befreit wird. Dieser Weg des Aufstandes kommt nicht ohne Gewalt zustande. In der Tat sind die Verkündigungen Christi revolutionär: «Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen…» (Lk 12, 49); «Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Sch­wert» (Mt 10, 34); «Das Himmelreich leidet Gewalt, und die Gewalttätigen reißen es an sich» (Mt 11, 12). Wie sind diese Worte zu verstehen?
Die Gewaltanwendung gegenüber unserer Natur ist absolut notwendig, damit unsere innere Knechtschaft besiegt wird, die alle äußeren Formen der Knechtschaft nach sich zieht. Die Aske­se ist der Kampf um die Verneinung des «alten Menschen», (Mt 16, 24; Rőm 6, 6) und bildet die Voraussetzung zur Nachfolge Chri­sti, zur Teilhabe an seinem Kreuz und seinem Leben. Der Wille des Menschen muß lernen, der etablierten Gesellschaft der Sünde zu widerstehen, die in der egozentrischen Einstellung zur Welt besteht. Inmitten unserer Sünden, im Todesleben, das wir führen, «verkauft unter die Sünde» (Rőm 7,24), betrachten wir al­les als neutrale Gegenstände, die unseren Bedürfnissen und Be­gierden unterworfen sind (vgl. die Ausbeutung der Welt (Schöp­fung) und des Mitmenschen, Umweltverschmutzung, Produktion von Atomwaffen usw.).
Mit dem FREIWILLIGEN Verzicht, der FREIWILLIGEN Annah­me der Unterordnung des Fleisches, bekämpft der an Christus glaubende Mensch seine egozentrische Disposition. Er wird von jedem inneren Zwang befreit und gelangt so zur äußeren Befrei­ung, läßt von der Haltung ab, alles unterwerfen zu wollen, lernt, die Welt zu lieben, seine Einheit mit ihr anzunehmen, in den Ge­schöpfen die ungeschaffene Gnade Gottes» zu sehen, den Abdruck seines Schöpfungswirkens, um so die Welt eucharistisch als fortdauernde Liturgie (Gottesdienst) und Opfer für Gott zu gebrauchen.
Denselben revolutionären Charakter der Befreiung vom Zwang hat auch das Martyrium, das die Überschreitung des Wil­lens zum Leben als «individuelles Überleben» und Selbstopfer und Selbstverzicht aus Liebe zum Mitmenschen bedeutet. Durch Askese und Martyrium wird die individualistische Daseinsweise in eine personale Gemeinschaft der Liebe umgewandelt. Deshalb hat die Orthodoxie Askese und Martyrium verbunden, indem sie die Askese «Martyrium des Gewissens» nennt. In beiden wird die Unterwerfung der Natur vollzogen, um sie zur Liebesgemeinschaff fähig zu machen. Beide sind jedoch nicht nur revolutionä­re, sondern gleichzeitig auch «anarchistische» Elemente, da sie von keinem äußeren Gesetz dem Christen auferlegt werden; sie sind vielmehr das Ergebnis der freien Wahl der menschlichen Person.

III. Die wissenschaftliche Methode der Vergottung

Die Anerkennung der Allmacht der Wissenschaft seitens der heutigen Welt stößt im Prinzip bei der OS auf keinen Wider­spruch, da auch sie wissenschaftlich und praktisch-empirisch ist. Wie die positiven Wissenschaften stützt auch sie sich auf ein In­strument und verwendet eine konkrete Methode, die «Praxis» (Askese) und das «Experiment» (die Erfahrung). Sie ist nicht, wie gewöhnlich geglaubt wird, eine metaphysische, intellektuelle Spekulation. Durch die Aufklärung, die Entwicklung der positiven Wissenschaften und die Religionskritik des Marxismus wurde nicht die patristische Theologie getroffen; nicht sie, sondern die mittelalterliche Metaphysik und Naturreligion mit ihren aristoteli­schen Voraussetzungen brach in sich zusammen. Die Orthodoxe Theologie kennt keine philosophischen Kriterien. Sie unterschei­det nicht zwischen Geist und Materie, sondern zwischen dem Ungeschaffenen (aktiston) und Geschaffenen (ktiston), Gott und Schöpfung.
Die OS ist genau das Streben nach der erlösenden Bege­gnung des Ungeschaffenen mit dem Geschaffenen in der Zeit. Das Ungeschaffene aber erkennt niemand durch seine Vernunft, sondern durch die Gegenwart und Einwohnung des Ungeschaf­fenen im Inneren des Geschaffenen. Das, was sich in der Fleisch-Werdung des ewigen Wortes Gottes wesenhaft ereignet hat, muß auch im Menschen der Gnade nach verwirklicht werden. So stellt die OS eine anthropologische Realität dar, die auch wissenschaft­lich untersucht und bestätigt werden kann.
            Ziel der OS ist es, den Menschen zur Vereinigung mit Gott, zur Vergottung zu erhöhen. Aber nur ein einziger Weg führt dorthin: Reinigung der Herzens von den Leidenschaften, Erleuchtung des Herzens durch den Heiligen Geist (d.h. Heilung des Herzens als Zentrum unserer Existenz), Verherrlichung (Vergottung), die von Gott gegeben wird und mit der Schau der ungeschaffenen Herrlich­keit und Königsherrschaft Christi die Vollendung unserer per­sönlichen Existenz bildet. Die Hl. Väter verwerfen die abstrakte, denkerische, philosophische Betrachtung Gottes, während sie auf der empirischen Annäherung an Ihn mittels der Reinigung des Herzens und der Erleuchtung durch den Heiligen Geist beharren. Von der Praxis (Tätigkeit, Wirken) werden sie zur Theorie (Schau) geführt. Praxis ist die asketische Reinigung, Theorie die Schau der göttlichen Herrlichkeit. Nach den Worten des Hl. Gregors des Theologen (4. Jh.) «ist die Praxis die Stufe zur Theorie» («Πράξις θεωρίας επίβασις»).
Nach dem Glauben der Orthodoxen Kirche ist die Bestim­mung aller Menschen ohne Ausnahme, Gläubigen wie Ungläubi­gen, die Schau der Herrlichkeit Gottes. Es gibt nicht Gegenwart und Abwesenheit Gottes, sondern nur Seine ewige Anwesenheit, und zwar für alle (vgl. Jo 19, 37 und Apok 1, 7). Wir alle werden Gott begegnen, da wir uns auch in diesem Leben in Seiner ungeschaffenen Gnade bewegen. «In Ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir» (Apg 17, 28). Die Gnade Gottes hält uns und verbindet uns. Es liegt nicht an Ihm, wenn wir die entsprechen­den Voraussetzungen (Reinigung des Herzens) nicht haben, um Ihn zu sehen. Bei der Begegnung aller aber am Ende der Geschi­chte mit Gott werden die einen Ihn als ewiges Licht und «Herrlich­keit», als ihren Freund und ihren «leidenschaftlichen Liebhaber» sehen und die anderen («die niemals ihren Sinn geändert haben») als «verzehrendes Feuer» (Hebr 12, 29). Denn sie werden dazu verurteilt sein, den zu sehen, den sie in dieser Welt gehaßt und ab­gelehnt haben. Gott selbst ist das Paradies und die Hölle: Und vom inneren Zustand des Menschen im Moment des Sterbens hängt es ab, ob er Gott ewig als Paradies oder Hölle schauen wird. Dieses eschatologische Geschehen wird vom ganzen Leben der Christen inmitten der Welt bestimmt. Daher kommt ihm sowohl in seiner Gesamtheit als auch in jedem seiner Momente einzigartige soteriologische Bedeutung zu.
Dieses Ziel setzt jedoch ein Organ voraus: das Herz. So, wie unser Herz gewöhnlich funktioniert, funktioniert es nicht richtig. Wir nehmen als seine einzige Tätigkeit die Bewegung des Blutes in unserem Organismus an und betrachten so Gehirn und Ner­vensystem als Zentrum unseres Bewusstseins. In der Orthodoxie aber ist das Herz der Ort unserer Kommunikation mit Gott. In der patristischen Sprache wird jene Kraft der Seele, die im Herzen wirkt, «nous» (Geist) genannt. Der Nous ist nicht identisch mit der Logik oder dem Verstand. Patristisch wird jedoch auch die Gebets­tätigkeit des Herzens Nous (Geist) genannt («geistiges Gebet»), die im Wirken des Geistes im Herzen besteht. Wenn das Herz ge­reinigt ist und die «Heimsuchung» des Heiligen Geistes empfangen hat, wird diese Gebetstätigkeit eine ständige («ununterbro­chene», vgl. «Betet ohne Unterlaß», 1 Thess 5,14). Das ununter­brochene Gebet des Heiligen Geistes im gereinigten Herzen ist das «dauernde Gedächtnis» Gottes – und das ist es, was durch den Sündenfall verloren gegangen ist. Das «dauernde Gedächt­nis» Gottes im menschlichen Herzen war im Paradies die Kom­munikation des Menschen mit Gott im Zentrum der menschlichen Existenz.
Das geistliche Wirken des Herzens ist nichts anderes als ein Gedächtnissystem, das im Menschen, entsprechend den beiden anderen, die die Wissenschaft kennt, dem Zellgedächtnis (gene­tischer Code, DNA) und dem Gedächtnis der Gehirnzellen, exi­stiert. Das praktische Ziel der OS ist, das erste Gedächtnissy­stem, das für die Wissenschaft nicht existiert, zum Arbeiten zu bringen. Denn nur auf diese Weise gelangen wir zur Wiederher­stellung all unserer Beziehungen in ihrer Authentizität. In diesem Zusammenhang ist auch das Wort Christi zu verstehen: «Ändert euren Sinn (Μετανοείτε) und glaubt an das Evangelium» (Mk 1, 15). Es bedeutet: Ändert euren Sinn, gewinnt die ursprüngliche Wirkungsweise eures Geistes (Νους) wieder, indem ihr die heilende Botschaft des Evangeliums annehmt.
Das Aussetzen der geistigen Funktion (nicht der logischen) ist das Wesen des Falls des Menschen. Da ist auch die Sünde unse­rer Urahnen anzusiedeln: Der Mensch versäumt es, vom geisti­gen und unablässigen Gedenken Gottes (der Gemeinschaft, der Kommunikation mit Ihm) zu seiner Erleuchtung und Vergöttlich­ung voranzuschreiten. Das Nichtfunktionieren oder die Unter­funktion der Geisteskraft und ihre Verwechslung mit der Tätigkeit des Gehirns oder des Körpers machen den Menschen zum Sklaven der Todesangst und der Umwelt, der Körperlichkeit und Stofflichkeit. Das unmittelbare Ergebnis ist die Zerstörung der Authentizität seiner Beziehungen, der Individualismus und die Asozialität des Menschen, die Selbstvergottung oder vielmehr Vergötzung seiner selbst, der Gebrauch Gottes und des Mitmen­schen zur Sicherung der individuellen Existenz, des individueller Erfolgs.
Zur wahren Gemeinschaft kehrt der Mensch durch die Hei­lung der Krankheit seines Herzens zurück. Das reine Herz em­pfängt die Erleuchtung (Heimsuchung) des Heiligen Geistes. In diesem Stadium wird die selbstsüchtige Liebe des Menschen in, selbstlose göttliche Liebe umgewandelt. Ohne die Erleuchtung durch den Heiligen Geist kann unsere Liebe die Selbstsucht, d.h. die Unvollkommenheit, nicht überwinden; sie bleibt unvollkom­men und unecht. Mit der Erleuchtung wird der Mensch zum Tem­pel des Heiligen Geistes (1 Kor 6,19), er wird geistlich und wahrhaf­tig. Diesen Prozeß der Wiedergeburt beschreibt Basilius der Gro­ße ausdrucksvoll, indem er die ganze orthodoxe Überlieferung zusammenfaßt: «Das ist die Einwohnung Gottes, daß man durch das Gedächtnis Gott in sich wohnen hat. So Werden wir zum Tempel Gottes: Wenn das ununterbrochene Gedenken nicht durch irdische Sorgen unterbrochen wird,- wenn der Geist nicht durch die unverhofften Leidenschaften verwirrt wird, wenn der gottliebende Geist vielmehr allem entflieht, sich zu Gott aufmacht, sich von dem entfernt, was uns zur Schlechtigkeit verlockt und sich mit den Werken befaßt, die zur Tugend führen» (2. Brief). Basilius der Große meint natürlich nicht die Flucht vor den weltlichen Sor­gen, d.h. Untätigkeit und Gleichgültigkeit (Buddhismus), noch Ek­stase (Neuplatonismus), sondern die Christwerdung des Men­schen mit seiner ganzen Existenz, so daß der Mensch theozentrisch und von Gott bewegt wird.
            Die Wissenschaftlichkeit der OS ist an den folgenden Punkten klar zu erkennen:
1) Der ganze Weg des Vergotteten unterscheidet sich nicht von einem therapeutischen Prozeß unter Aufsicht des Arztes (gei­stlicher Vater, Geron, Staretz). Die Vergotteten führen auch ande­re beim geistlichen Versuch, wie auch die Medizinprofessoren ih­re Studenten in einer medizinischen Fakultät.
2) Der Erleuchtete und Gottschauende unterscheidet sich ni­cht vom Astronom oder Mikrobiologen, denn auch er verwendet ein Instrument (sein gereinigtes Herz) und beschreibt das, was er sieht. Er beschreibt seine «Gottesschau», freilich nur, wenn auch die entsprechenden Voraussetzungen intellektueller Ausbildung gegeben sind.
3) Die Wahrheit einer Wissenschaft wird an ihrem Erfolg ge­messen (z.B. bei der Medizin an der Heilung), der ihre Methode rechtfertigt. Das Kriterium der OS ist die Erleuchtung, die ohne Reinigung unmöglich ist. Das Beweisstück für die Richtigkeit der Methode sind die heiligen Reliquien, die wohlriechen und unverwest bleiben.
4) Der Vergottete folgt einer ärztlichen Methode: Diagnose der Krankheit – Therapie. So wird das Kloster oder die Pfarrge­meinde in der Orthodoxie als geistliches Krankenhaus betrachtet, wo man seine Heilung, d.h. die Erleuchtung seines Herzens erlan­gen kann.
Folglich kann es keinen Konflikt zwischen der OS und der Wissenschaft geben. Der Konflikt ist nur dann möglich, wenn sich die Wissenschaft, selbstentfremdet, zur Metaphysik aufschwingt, oder wenn der Glaube sein Organ, das Herz, verläßt und zu ei­nem logischen Prozeß, zur Ideologie wird. Wie es aber unmöglich ist, daß die medizinische Wissenschaft zu einem abstrakten (metaphysischen) System wird, so ist es auch unmöglich, daß die OS in eine intellektuelle Angelegenheit umgewandelt wird.
Andererseits wird die Heilung des Menschen in der OS nicht auf die Zeit nach dem Tod verlegt, sondern wird hier und heute vollzogen. Orthodox (in diesem Sinn) ist also nicht derjenige, der seiner Ideologie nach kein Häretiker ist, sondern jener, der durch seine Reinigung zum Tempel des Hl. Geistes geworden ist.

IV. Die Gemeinschaft als Ziel der Orthodoxie

Nach alle dem wird offensichtlich, warum das Ziel der OS kein anderes sein kann als die Gemeinschaft, die gemeinschaftliche Existenz des Menschen. Nach dem Hl. Isaak dem Syrer, «errei­chen alle Heiligen (Vergotteten) diese Vollkommenheit, wenn sie vollkommen und Gott ähnlich werden, im Überströmen ihrer Lie­be und Menschenfreundlichkeit zu allen».
Asoziale Orthodoxie ist ein Unding. Es gibt keine individuali­stische Orthodoxie, individualistische Rechtfertigung, individuali­stisches Heil. Der Heilige (der Vergottete, der konsequente Christ) führt ein PERSÖNLICHES und SOZIALES LEBEN, einen in­dividuellen geistlichen Kampf und besitzt auch eine soziale Prä­senz. Wie wir weiter oben gesehen haben, muß die ganze indivi­duelle Heilung, wenn sie echt ist, zum sozialen Leben (Gemein­schaft, Kommunikation) mit den Mitmenschen, unseren Brüdern, führen. Die Orthodoxie gibt dem platonischen Problem des Parmenides um «das Eine und die Vielen», mit der Rettung des Men­schen als Individuum inmitten der Gesellschaft, der Gemeinschaft, seine Lösung. Der Unterschied zwischen uns Orthodoxen und den weltlichen Systemen liegt darin, daß diese darum bemüht sind, Gemeinschaft zu schaffen, während wir uns darum be­mühen, in die geoffenbarte trinitarische Gemeinschaft, in den Leib Christi, eingegliedert zu werden. Diese Gemeinschaft ist ihrem Wesen nach klassenlos und brüderlich (vgl. Gal 3, 28).
            Die Einordnung in die Gemeinschaft mit Gott besteht im Eintritt unseres GANZEN Lebens in die Gemeinschaft der Gnade (vgl. «… wollen wir uns selbst und einander und unser ganzes Le­ben Christus Gott übergeben»). Sie ist die Christwerdung und Heiligung aller unserer Beziehungen: der Freundschaft, der Fami­lie und auch der beruflichen Laufbahn; der Wirtschaft, die durch die Besitzlosigkeit und Befreiung von der Knechtschaft der Mate­rie in Menschenliebe umgewandelt wird; der Wissenschaft, die zur Berührung mit den ungeschaffenen Energien Gottes und zum prophetischen Zeugnis der Wahrheit werden kann; der Liebe, die in personale Gemeinschaft mit Christus und, in Christo, mit allen und allem umgeformt wird; des politischen Lebens in der aristo­telischen Bedeutung des Begriffes, als Organisation des gemein­schaftlichen Lebens, das, wie in der Jerusalemer Gemeinde, zum Dienst der Liebe (Diakonie) wird.

V. Schlußwort

Die Welt legt immer den Schwerpunkt auf das Äußere, auf die sozialen Beziehungen. Die Orthodoxie beginnt beim Inneren des Menschen, damit das Bild Gottes im Menschen wiederhergestellt wird, damit so auch die menschliche Gesellschaft, als Gemein­schaft in Christo, die trinitarische Existenzweise widerspiegeln kann. So wird das Individuum nie von Christus dem Gemeinnutz geopfert. Im Gegenteil: der Gemeinnutz wird auch zum Nutzen des einzelnen. Die Befreiung des Menschen wird nicht nur ethisch aufgefaßt, sondern zugleich als Exodus aus der Knechtschaft der Natur und des Zwangs, nicht nur aus Ausbeutung und Lüge, sondern auch aus der physischen Verwesung und dem Tod -was durch die Teilhabe des Menschen am Kreuz und der Aufer­stehung Christi verwirklicht wird. Das genau besagt das Wort des Apostel Paulus an die Korinther: «Wenn wir nur in diesem Leben auf Christus gehofft haben, sind wir die bemitleidenswertesten von allen Menschen» (1 Kor 15, 9).
            Im übrigen schuf der Hl. Basilius d. Gr., einer der sozialsten Kirchenväter, die «Basileias», er kämpfte gegen die Unersättlich­keit der Reichen und ihre habgierige Einstellung, konzipierte dabei jedoch seine Perspektive mit der Ewigkeit als Ziel: «Wir tuen alles zur Vorbereitung auf ein anderes Leben» (An die Jugend, Kap. 2).
            Ich will diese Überlegungen mit einem vielsagenden Bekennt­nis von P. Atanasij Jevtivc schließen: «Die Orthodoxe Kirche heu­te ist keine religiöse Gemeinschaft mit karitativen Zielen oder eine menschliche Organisation, die nur um irdischen Frieden und die Koexistenz der Nationen kämpft; sie ist vor allem der lebenspen­dende Leib Gottes des Erlösers, und deshalb ist sie eine Werk­statt der Rettung und Erlösung, die Jesus Christus als Heiland des Menschen und der Menschheit gebracht und verwirklicht hat» (s. A. Jevtivc, Christus – Anfang und Ende, Athen 1983, S. 17).

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